Donnerstag, 4. Juli 2013

Maus von Art Spiegelman

Maus von Art Spiegelman
Wladek Spiegelman ist nach dem 2. Weltkrieg mit seiner Familie nach New York gezogen und hat sich dort niedergelassen. Irgendwann Ende der 60er - Anfang der 70er Jahre entschließt sich sein Sohn Art, dass er gerne ein Buch über seinen Vater zeichnen möchte. In den gemeinsamen Gesprächen erzählt Wladek von den Stationen seines Lebens. Er spricht über die Nazis, über Auschwitz und wie er gemeinsam mit Arts Mutter den Krieg überlebt hatte. Und er erzählt auch vom Fluch des Überlebens...

Maus von Art Spiegelman
An dieses Buch bin ich, als mir klar wurde, dass ich es hier rezensieren möchte, mit sehr viel Respekt herangegangen. Schließlich hat "Maus" den Ruf, den Comicbereich im Alleingang revolutioniert zu haben und zwar vor allem deshalb, weil durch dieses Werk der Comic als Kunstform endlich auch im Mainstream verankert worden ist. Im Jahr 1980, als der erste Teil erschien, dominierten bei den Comics noch Helden in bunten Strumpfhosen die Panels und die Geschichte der Schoah wurde ebenfalls noch nicht so thematisiert, wie das heute der Fall ist. "Maus" schlug so in mehr als einer Hinsicht ein wie eine Bombe.
Hier ein Interview mit Art Spiegelman:


Bei solchen von allen hochgelobten Klassikern habe ich meistens ein Problem: Wenn mir jeder erzählt, wie toll ein Buch, ein Film oder ein Hörspiel nicht wäre, schrauben sich meine Erwartungen meist in so lichte Höhen, dass sie später nur enttäuscht werden können. Bei "Maus" waren diese schon so astronomisch hoch, dass ich mich vor dem Lesen gedanklich bei dem Buch entschuldigt habe, weil ich der Meinung war, dass "Maus" mich eigentlich nur enttäuschen konnte.
Und was soll ich sagen?

"Maus" hat mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil hat "Maus" meine Erwartungen in mehr als einer Hinsicht weit übertroffen.

Themen in Maus
"Maus" behandelt nicht nur die Schoah. Eines der zentralen Themen ist die Art und Weise, wie Menschen sich an manche Dinge in ihrem Leben erinnern. Bei "Maus" ist die Erinnerung an die Vergangenheit nur durch Wladek präsent, weil dieser die Tagebücher seiner Frau nach deren Selbstmord vernichtet hat. Außerdem fällt auf, dass Art Spiegelman diese Gespräche über die Vergangenheit dazu nutzt, um das Verhalten seines Vaters in der Gegenwart besser zu verstehen.
Das Thema Rassismus wird auf eine sehr raffinierte angegangen. Dadurch, dass Spiegelman aus der Geschichte eine Tierfabel macht, in der die Nazis Katzen, die Juden Mäuse, die Polen Schweine (was in meinen Augen nicht beleidigend gemeint ist) und die Amerikaner Hunde sind, parodiert Spiegelman den Rassenwahn der Nazis. Spiegelman thematisiert auch, dass es Rassismus selbst bei Überlebenden der Schoah gibt, wenn er eine Episode erzählt, bei der sein Vater ein Riesentheater macht, weil Arts Frau Francoise einen afro-amerikanischen Anhalter mitnimmt. Als er dann darauf angesprochen wird, erklärt Wladek, dass man die Juden und die "Schwartsen" wohl kaum miteinander vergleichen könne.
Dominiert wird die Handlung von den Polen und den Juden, die zwar durch die Zeichnungen alle ähnlich aussehen, charakterlich teilweise aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Bei den Nazis gibt es dafür wenig bis gar keine charakterlichen oder äußerlichen Unterscheidungsmerkmale, die sind einfach eine bedrohlich-einheitliche Masse. Das liegt in meinen Augen daran, dass die Deutschen, welche Wladek damals "kennenlernen durfte" ausschließlich solche waren, die direkt zur Wehrmacht und/oder der SS gehörten. Wahrgenommen werden sie im Comic daher nur als Kommandos brüllende Sadisten, die Spaß daran haben, andere zu quälen und zu töten. Deshalb kann man wohl auch äußerlich fast keine Unterscheidungsmerkmale feststellen: In Wladeks Erinnerung (und damit auch in Art Spiegelmans Darstellung) waren die Nazis allesamt vom gleichen Schlag und in ihren Denk- und Handlungsweisen so ähnlich, dass für die Opfer letztendlich kein
kein Unterschied auszumachen war.
Das für mich interessantestes Thema in "Maus" ist aber der "Fluch des Überlebens", der bis heute nur in sehr wenigen Geschichten über dieses Thema vorkommt. Dass auch die Überlebenden zum Teil in dieser Hölle gestorben sind. "Er hat zwar überlebt, irgendwie aber auch wieder nicht" heißt es sinngemäß an einer Stelle des Buches.
Die Menschen in Maus werden - von den Nazis abgesehen - allesamt mit ihren Stärken und Schwächen gezeigt. Wladek wird nicht idealisiert, man erfährt nicht nur, dass er ebenfalls rassistische Vorurteile hat, er behandelt seine zweite Frau manchmal wirklich schlecht. Dennoch leidet man mit ihm und freut sich, wenn am Ende Arts Mutter Anja und er sich in die Arme schließen. Dabei ist diese Freude bittersüß, man weiß ja bereits, dass Anja sich Jahre später das Leben nehmen wird.
Die emotionalste Szene ist für mich aber die von Wladeks Tod. An der Stelle, in der Wladek Art versehentlich mit dem Namen von dessen toten Bruder (der Kleine hat den Krieg nicht überlebt) anspricht. Hier zeigt sich das ganze Problem, das Art mit seiner eigenen Situation hat: Ein toter Bruder, dessen Vorbild er selbst nie gerecht werden kann und ein Vater, zu dem er schon lange kein einfaches Verhältnis mehr hat, lasten ihm auf der Seele.

Fazit zu Maus
Maus war bislang das einzige Buch, das ich - auf der letzten Seite angekommen - nach dem Ende gleich noch einmal gelesen habe. Dieser Klassiker wird seinem hervorragenden Ruf nicht nur gerecht, er übertrifft ihn problemlos.

P. S.: Die deutschen Behörden haben bei diesem Comic mal wieder bewiesen, dass sie die Bücher und Filme, gegen die sie vorgehen, nicht lesen bzw. ansehen müssen, bevor sie Schritte einleiten. Maus wurde nämlich von ihnen beschlagnahmt. Warum? Weil der Comic angeblich Nazipropaganda verbreiten würde. Da fragt man sich doch echt, was die Verantwortlichen tagsüber alles geraucht haben. Dass ihre Methoden selbst ein wenig an die Stasi erinnern, ist ihnen dabei wohl nicht einmal aufgefallen.

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