Dienstag, 21. Juli 2015

Ein verhängnisvolles Puzzle

"Her Story" - So simpel wie der Name ist auch der Aufbau des Spiels. Der Spieler sitzt vor einem alten Röhrenmonitor (der wirklich schön simuliert wurde) und recherchiert in der Polizeidatenbank mit der Hilfe von sieben, in Kleinstteile zerschnipselte, Verhöre einer Frau namens Hannah Smith den Mord an ihrem Mann Simon. Das funktioniert sehr einfach: Man gibt einfach einen Suchbegriff ein und wenn es dazu ein Video gibt, wird es angezeigt und kann angesehen werden.
So einfach die Steuerung des Spieles ist, so spannend und mitreißend ist die von Sam Barlow erzählte Geschichte.


Stück für Stück zum großen Ganzen
Durch die gefundenen Videos ergeben sich dann weitere Suchbegriffe. Sollten mehr als fünf Treffer gelandet werden, sieht man nur die ersten fünf. Wenn man die anderen Schnipsel auch sehen möchte, muss der Suchbegriff weiter spezifiziert werden. Der Database-Checker ist ebenfalls sehr nützlich, da er anzeigt, wann welches Video aufgenommen wurde. So kann man die jeweiligen Schnipsel in den zeitlichen Kontext ein- und den verschiedenen Verhören zuordnen. Faszinierend dabei ist die Mischung aus offensichtlichen und eher subtilen Hinweisen. So ist es nicht nur Hannah, die uns mit Stichworten versorgt, sondern vor allem unsere eigene Kombinationsgabe. Schnell wird klar, dass hinter dem Verschwinden von Simon Smith wesentlich mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat.
Linear verläuft die Geschichte bestenfalls in den ersten paar Minuten. Danach nimmt jeder Spieler seinen eigenen Weg, mit welchen Aspekten der Geschichte er sich eingehender befassen möchte, ist ganz allein seine Entscheidung, deshalb ist es auch unmöglich, zu sagen, wie lange die durchschnittliche Spieldauer ist, ein Minimum von sechs Stunden sollte man aber schon einrechnen. (Bei mir hat es etwas länger gedauert, weil ich mich in einer Nebenhandlung verrannt habe.) Wenn man einen wichtigen Hinweis gefunden hat, zeigt uns das Spiel dies mit der Hilfe einer Reflektion auf dem Monitor, die - anders als hier behauptet - mitnichten den von uns gespielten Protagonisten darstellt, sondern jemand völlig anderen (wenn einem erstmal klar wird, um wen es sich dabei handelt, ist es jedenfalls eine wirklich schöne Erkenntnis). Eine Art Endbildschirm, der aufklärt, ob der Spieler mit seiner Vermutung, was geschehen ist, gibt es nicht, es taucht lediglich bei einem bestimmten Zeitpunkt ein Chatfenster auf, mit dem uns ein namentlich nicht genannter Vertrauter kontaktiert, und fragt, ob wir schon alles geklärt haben und wissen, was mit Simon Smith geschehen ist. Man bekommt aber eine sehr genaue Vorstellung vom Abend des Mordes und wie eben dieser passiert ist.
Gespielt wird Hannah von der Sängerin und ehemaligen Leistungssportlerin Viva Seifert, die ihre Rolle sehr gut verkörpert. Wer hier mit Overacting rechnet, sieht sich schnell eines Besseren belehrt. Seifert spielt die Rolle so, dass man nach ein paar Minuten völlig vergisst, dass es sich hier "nur" um ein Spiel handelt.

Fazit zu "Her Story"
Die Geschichte, die in "Her Story" erzählt wird, mag nicht überragend sein. Die Art und Weise, wie sie erzählt wird, macht die Sache aber einzigartig. Es würde mich freuen, wenn es zu "Her Story" ein paar Fortsetzungen geben würde, da das Konzept gut durchdacht ist und beliebig oft eingesetzt werden kann.

Freitag, 17. Juli 2015

Kurzreview: Violet & Daisy von Geoffrey Fletcher

Violet & Daisy (USA 2011) von Geoffrey Fletcher
Violet (Alexis Bledel) und Daisy (Saoirse Ronan) sind Auftragsmörderinnen, die gerade im Teenageralter sind. Ihr Boss (Danny Trejo) vermittelt ihnen einen Job, der auf den ersten Blick nach einer Routineangelegenheit aussieht: Rein in die Wohnung, das Opfer (James Gandolfini) erschießen und sich mit dem so verdienten Geld endlich das neue Kleid von Barbie Sunday leisten. Aber Michael ist kein gewöhnliches Opfer, er unternimmt so gar keinen Versuch, am Leben zu bleiben und weckt gerade dadurch die Neugier der beiden jungen Attentäterinnen. Als dann auch noch einige Mitglieder eines rivalisierenden Mafiaclans auftauchen und Michael ebenfalls erschießen wollen, wird die Sache richtig kompliziert...

Violet & Daisy von Geoffrey Fletcher
Zu diesem Film ein Review zu schreiben ist wirklich nicht leicht. Wenn an "Violet & Daisy" etwas hervor sticht, dann ist es seine absolute Durchschnittlichkeit. Klingt die Inhaltsangabe noch witzig und nach einer frischen Idee, plätschert der Film völlig unspannend bis zu seinem vorhersehbaren Ende vor sich hin und Alexis Bledel dabei zuzuschauen, wie sie im Prinzip noch einmal dieselbe Rolle spielt wie bei "Gilmore Girls" (nur diesmal halt mit Knarren), ist auch nur für die ersten 30 Minuten lustig. Der Film tut zwar keinem weh, aber genau das ist auch das Problem, denn wenn man 20 Minuten nach dem Abspann nur noch rudimentär weiß, worum es eigentlich ging. Während des Ansehens hat man das Gefühl, dass man anfangs eine wunderschön glänzende Schachtel Pralinen erhält. Wenn man dann die erste Verpackung entfernt, findet man keine Pralinen, sondern nur eine weitere glänzende Verpackung. Das geht so lange weiter, bis man schließlich realisiert, dass man keine Pralinen finden wird. So lässt "Violet & Daisy" die Zuschauer trotz der witzigen Dialoge und der flotten Inszenierung seltsam unbefriedigt zurück. Das helfen einem auch die an sich guten Leistungen von Bledel, Ronan und Gandolfini nicht weiter. Die unnötig komplexe Struktur, die (letztlich ins Leere laufenden) Nebenhandlungen: Alles Blendwerk. Aber hey, einen Vorteil hat der Film: Man kann nebenbei seine Socken sortieren und ein 10-Minuten-Nickerchen machen, verpassen tut man trotzdem nichts. Dafür reicht aber jede Kaminfeuer-DVD, deshalb gibt es von mir keine Empfehlung.
Wer gerne ein ausführlicheres Review zu diesem Film lesen möchte, kann das gerne beim Wortvogel tun: Violet & Daisy von Geoffrey Fletcher. Der Trailer verspricht einen spannenden Film, lasst euch davon aber nicht täuschen:


Donnerstag, 16. Juli 2015

Flesh Gothic von Edward Lee

Edward Lee - Flesh Gothic (Festa Verlag 2012)
Im Luxusanwesen von Reginald Hildreth haben sich zu dessen Lebzeiten die schlimmsten sexuellen Orgien abgespielt. Als Hildreth eines Tages den Dämon Belarius beschwören möchte, bleiben von den 26 Gästen nur noch Fleischfetzen übrig. Reginald selbst ist spurlos verschwunden, die ermittelnden Behörden gehen davon aus, dass er die Anwesenden umgebracht und anschließend Selbstmord begangen hat. Seine Frau kann das nicht glauben und heuert eine Gruppe der besten übersinnlich begabten Menschen an, die erstens nicht nur so tun, als ob sie übersinnlich wären und zweitens herausfinden sollen, was wirklich in dem Haus passiert ist. Diese stellen schnell fest, dass das Haus "geladen" ist, also von Geistern und anderen Wesenheiten heimgesucht wird, die praktisch sofort damit beginnen, die "Ermittler" - auch auf sexuelle Art und Weise - heimzusuchen. Das ist nicht ihr einziges Problem, da sie schon bald bemerken, dass sie nicht nur aufgrund ihrer Fähigkeiten ausgesucht wurden und die Anzeichen, dass Hildreths größter Coup noch bevorsteht, verdichten sich ebenfalls...

Flesh Gothic von Edward Lee
Dass ausgerechnet Richard Laymon Edward Lee als "literarische Körperverletzung" anpreist, hätte mich fast davon abgehalten, mir dieses Buch zu kaufen. Schließlich hatte ich mit Laymon schon mehr als eine Begegnung, und keine einzige davon hat mir so etwas wie Freude gebracht. Andererseits: Um gute Bücher zu erkennen, muss man sie nicht unbedingt schreiben können (auch wenn der Begriff "literarische Körperverletzung" schon ein sehr eigenwilliges Lob ist).

Viel Flesh, wenig Gothic
Eines hat "Flesh Gothic" mit Laymons Büchern gemeinsam: Es gibt in dem Buch einige Szenen, vor allem sexuellen Inhaltes, die allein wegen ihrer Schockwirkung enthalten sind. Für zartbesaitete Menschen ist "Flesh Gothic" nicht gedacht. Wenn es seitenlange Beschreibungen darüber gibt, wie der Dämon Belarius in seinem Tempel aus menschlichem Fleisch ihm untergebene Dämoninnen zu Tode vergewaltigt, muss man das erst einmal verdauen. Das gilt auch für den expliziten sexuellen Missbrauch, den beinahe alle weiblichen Protagonisten in diesem Buch erleiden müssen, Hinzu kommt, dass Lee den Lesern diese Szenen ab dem zweiten Abschnitt mit extrem hoher Schlagzahl um die Ohren haut. Insofern hat Laymon mit dem Begriff "literarische Körperverletzung" gar nicht so unrecht.
Wenn man damit keine Probleme hat, erwartet einen mit "Flesh Gothic" eine durchaus spannende Geschichte. Lee versteht es, die Spannung langsam zu steigern und dann zur Explosion zu bringen. Wer denkt, dass die Leser rasant ins Geschehen geworfen werden, liegt dennoch falsch. Erst werden ausführlich die einzelnen Charaktere vorgestellt, die zwar alle so wirken, als ob man sie einem in anderen Büchern oder Filmen schon einmal begegnet wären, dabei aber dennoch interessant genug bleiben, um die Neugier des Publikums zu wecken und über einen längeren Zeitraum zu halten. Mit diesen Charakteren rät und leidet man gerne mit, wenn sie vor einem Rätsel stehen, oder Hindernisse überwinden müssen (die Auflösung der Frage, was mit Hildreth passiert ist, ist nämlich nicht von schlechten Eltern).

Fazit zu Flesh Gothic
Edward Lee gelingt es, aus bereits bekannten Zutaten eine spannende Geschichte zu machen. Auch wenn Lee mit dem Buch das Rad nicht neu erfindet, legt man das Buch bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand. Von mir gibt es daher eine Empfehlung.

Sonntag, 14. Juni 2015

TKKG 113 - Mit heißer Nadel Jagd auf Kids von Stefan Wolf

TKKG Folge 113 (erschienen am 8. Februar 1999 bei Europa) -
Mit heißer Nadel Jagd auf Kids
In der Heimatstadt von TKKG treibt ein wahnsinniger Tätowierer sein Unwesen. Dieser überfällt hinterrücks Kinder, betäubt sie, und tätowiert ihnen anschließend das Gesicht. Die Polizei tappt völlig im Dunkeln (warum werden eigentlich gerade Gesetzeshüter in Jugendhörspielen wie die letzten Idioten dargestellt?) Das Motiv des Täters wird dem TKKG-Quartett schnell klar: Er oder sie möchte die reichen Eltern der Kids erpressen, indem er ihnen damit droht, dass ihre Sprösslinge die nächsten sein könnten. Klar, dass Tim und Co das nicht einfach so geschehen lassen. Einen ersten Verdacht haben sie schnell: Der Freund der Tochter eines Unternehmers ist erstens ein echter Unsympath und zweitens Tätowierer mit eher bescheidenem Talent. Die "Kunstwerke", mit welcher dieser seine Freundin "verschönert", sehen den Tätowierungen der Opfer verdammt ähnlich...

Mit heißer Nadel Jagd auf Kids
Ich habe in meinem Leben sehr viele Hörspiele mit einer absurden Handlung gehört. Dennoch hat es die 113. Folge von TKKG, "Mit heißer Nadel Jagd auf Kids", mühelos geschafft, einen Platz unter den Top 10 meiner persönlichen "Was zur Hölle war denn DAS???"-Liste zu ergattern. Das hängt erstens damit zusammen, dass es das mit Abstand brutalste Jugendhörspiel ist, das ich kenne. Natürlich äußert sich das nicht etwa in ausgiebigen Splattereinlagen. Trotzdem sollte man bedenken, was hier eigentlich passiert: Es werden mehrere Kinder und Jugendliche überfallen und entstellt, eine Entfernung von Tattoos ist mit einigen Risiken verbunden, außerdem ist es ungewiss, ob sie überhaupt funktioniert. TKKG Nr. 113 ist somit das einzige Jugendhörspiel, in dem es um einen Serientäter geht, der es mit seinen schwerwiegenden Angriffen auf Kinder und Jugendliche abgesehen hat.Wenn man bedenkt, dass die Zielgruppe dieser Art von Hörspiel Kinder ab einem Alter von etwa sechs Jahren sind, ist das viel zu heftig.
Hinzu kommt noch, dass man diese Angriffe recht leicht als eine Art Allegorie auf sexuellen Missbrauch interpretieren kann. Die Kinder werden auch hier entführt und körperlich (zwar auf andere Weise, aber doch) missbraucht. An dieser Stelle habe ich mir gedacht, ob man vonseiten der Macher auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass so eine Handlung bei Verbrechensopfern eventuell nicht nur nicht auf Gegenliebe stoßen wird, sondern auch alte Wunden wieder aufreißen könnte? Wohl kaum.
Als Sahnehäubchen kommen dann noch die für TKKG üblichen Vorurteile. Waren bei Angst in der 9a noch alle Italiener Mafiosi, ist hier jeder, der sich freiwillig tätowieren lässt, ein kinderhassender Psychopath, der in seiner Freizeit mit Vorliebe Welpen tritt und Babys den Schnuller klaut. Außerdem sind alle Tätowierten in der gleichen Gang und am organisierten Verbrechen beteiligt. Immerhin schafft es der ach so friedliebende Tim das ganze Hörspiel lang, niemanden krankenhausreif zu prügeln. Wie er es zustande gebracht hat, mit einem Karateschlag die Tür eines brennenden Autos zu öffnen, darf er mir trotzdem gerne einmal zeigen. Im weiteren Verlauf der Geschichte erweist er sich als echter Frauenversteher: So unterbricht er Gabys Redeschwall in einer Szene mit einem nonchalanten "Halt's Maul!". Wobei Gaby in dieser Folge eine 1A-Nervensäge ist. Ständig redet sie mit erhobenem Zeigefinger politisch korrekten Blödsinn daher. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, ihre Freunde von oben herab belehrt, kommt von ihr nur sowas wie "Da ist ja mein Papiiiiiii!!" oder "Mein Timmyyy!!" Ach, wisst ihr was? Tim hat Recht, halts Maul, Gaby!
Apropos Gerede: Die Dialoge sind nicht nur holzschnittartig, sondern an vielen Stellen schlicht und ergreifend abstrus. Das beste Beispiel hierfür ist gleich die allererste Szene, in der die Protagonisten zu einem Steinpilzreservoir radeln und Karl es für eine gute Idee hält, zu sagen, dass er sich für Steinpilze schon sehr gerne eine Stunde bückt. Äh...liest da eigentlich nochmal jemand drüber, bevor das aufgenommen wird?

Sprechgesang des Grauens
Den absoluten Horror hat man aber mit der Musik abgeliefert. Ich weiß nicht, welcher Teufel die Macher geritten hat, aber sie haben es geschafft, den fürchterlichsten Rapsong aller Zeiten auf diese CD zu bannen. Mir ist schon klar, dass man für TKKG nicht gerade Sido oder Eminem engagieren kann, aber das bekomme sogar ich noch besser hin (und wer mich schon einmal singen gehört hat, kann sicher bestätigen, dass ich nicht gerade der nächste Elvis Presley bin)!
Eine spannungsgeladene Inszenierung sucht der Hörer ebenfalls vergebens. Der Täter ist sehr schnell identifiziert, es geht nur noch darum, ihm die Taten nachzuweisen und selbst das wird auf möglichst langweilige Weise gezeigt.

Fazit zu "Mit heißer Nadel Jagd auf Kids"
Das wars. Ich bin endgültig fertig mit TKKG. Die spannungslose Inszenierung, hirnschmelzend schlechte Musik und bescheuerte Dialoge wären ja schon schlimm genug, aber was dem Fass den Boden ausschlägt, ist der völlig wahnsinnige Inhalt.  Wie kann man nur so einen gefährlichen Schwachsinn verzapfen??

Sonntag, 31. Mai 2015

La Vida Loca - Die Todesgang von Christian Poveda

La Vida Loca - Die Todesgang (San Salvador 2008)
von Christian Poveda
In den Armenvierteln der Hauptstadt San Salvadors haben die Gangs das Sagen. Die ""Mara Salvatrucha" und die "Mara 18" zählen zu den gefährlichsten und brutalsten Gangs Mittelamerikas. Beide stehen miteinander im Krieg, es gibt regelmäßig Tote. Die Gangs bedeuten für ihre Mitglieder alles, sie sind der einzige Ausweg aus der Armut und Familienersatz zugleich. Einmal aufgenommen, kann man sie nicht mehr verlassen. Die Polizei versucht zwar durchzugreifen, ist aber letztlich machtlos gegen die rivalisierenden Banden.


Es war das erklärte Ziel von Christian Poveda, das knallharte Leben in den Gangs von San Salvador zu zeigen. Deshalb verbrachte er mehrere Monate mit verschiedenen Mitgliedern der Mara 18, filmte und begleitete sie bei ihrem Leben und ließ sie erzählen: Wie sie zur Gang stehen, ihre Aufeinandertreffen mit rivalisierenden Gangs, etc.. Bemerkenswert dabei ist, dass die Gangs auf den ersten Blick nicht das bieten, was den Zuschauern für gewöhnlich in billigen Gangsterfilmen geboten wird: Hier gibt es keine reichen Typen, die gefühlte 100 Goldringe an den Fingern tragen und mit der Limousine durch die Gegend fahren. Die hier gezeigten Menschen kämpfen genauso ums Überleben wie jeder andere in den Slums und die Gangs sorgen augenscheinlich höchstens dafür, dass man noch schneller als üblich auf dem Friedhof landet.
Dann beginnt man langsam zu begreifen, was diese Gangs für die Leute so anziehend macht. Die Menschen, die hier gezeigt werden, sind schon lange vor ihrem Eintritt in die Gang mental gebrochen. Von ihren Eltern verstoßen und ohne Unterstützung von irgend jemand anderen, suchten sie nach Halt, den ihnen nur die Gang bieten konnte. Jetzt haben sie eine Familie gefunden, für die sie ohne zu zögern sterben würden, die Liebe der Gang füllt ein emotionales Vakuum. Die Spirale der Gewalt nehmen sie dabei als gegeben hin. Ich habe noch nie eine Dokumentation gesehen, die so viele Beerdigungen zeigt und irgendwann geht einem das Wehklagen der Frauen und die stoisch daneben stehenden Gangmitglieder, die wahrscheinlich gerade dabei sind, gedanklich den Vergeltungsschlag zu planen, unter die Haut.
Poveda schlägt einem das alles ungefiltert ins Gesicht. Er verzichtet darauf, alles in einen größeren Kontext zu setzen und bleibt mit der Kamera hautnah bei seinen Protagonisten. Es wird nur kurz erwähnt, dass die in San Salvador und anderen Ländern tätigen Gangs von Menschen gegründet wurden, die aus den USA zurückkehrten und ihre Organisationen nach den Vorbildern der Banden aus L. A. aufbauten. Dadurch, dass Poveda den Mikrokosmos seiner Protagonisten nie verlässt, wirkt sein Film hin und wieder chaotisch, was der Dokumentation aber zum Vorteil gereicht, da das Leben in den Slums selbst wohl nicht immer in geordneten Bahnen verläuft.
Dennoch gibt es immer wieder Gangmitglieder, die aussteigen möchten. Poveda zeigt einige Ehemalige, die versuchen, eine Bäckerei zu betreiben und wie schwierig es als Aussteiger sein kann, das Vertrauen von Polizei und Mitbürgern zu erlangen - vor allem, wenn man sich die "18" als Gangzeichen überall ins Gesicht tätowiert hat.
Ich finde, dass Poveda mit dieser Dokumentation viel Mut bewiesen hat. Leider hat er diesen mit dem Leben bezahlt. Bei der Arbeit an einer wurde er von den Gang mit vier Schüssen in den Kopf hingerichtet. Ein ehemaliger Polizist hatte der Gang erzählt, dass Poveda während seiner Zeit mit der Gang als Informant für die Polizei gearbeitet haben soll (was von der Polizei bestritten wird). Hinzu kommt, dass vor der Premiere von "La Vida Loca" bereits Raubkopien in San Salvador verbreitet wurden und einige Mara 18-Mitglieder nicht gerade glücklich darüber waren, wie sie von Poveda dargestellt wurden.
Noch ein Wort zum deutschen Titel. Der Zusatz "Die Todesgang" ist so überflüssig wie irreführend. Dadurch werden Assoziationen geweckt, die den Zuschauer einen anderen Film erwarten lassen. Das hat "La Vida Loca" nicht verdient.

Fazit zu La Vida Loca
"La Vida Loca - Die Todesgang" von Christian Poveda ist eine jener Dokumentationen, die man gesehen haben muss, um glauben zu können, dass es so etwas wirklich gibt. Das muss man gesehen haben!

Donnerstag, 21. Mai 2015

Ein Job wie jeder andere erscheint am 4. Juni

Das Cover von "Ein Job wie jeder andere"
Endlich ist es so weit. Das von mir geschriebene Hörspiel "Ein Job wie jeder andere" erscheint am 4. Juni 2015. Hier die Daten:

Thriller, 55 Minuten
Digipak, limitiert auf 500 Exemplare
Empfohlen ab 16 Jahren
Empfohlener Endkundenpreis: 8,95€

Ein Job wie jeder andere (RRR-7003)
Offizielle Synopsis: Eine Auftragskillerin soll für ihren neuen Klienten einen Menschen nicht nur töten, sondern ihn vorher auch zu einem Geständnis bewegen. Trotz perfekter Vorbereitung läuft alles anders als ursprünglich geplant. Definitiv kein Job wie jeder andere.Wie weit kann ein Mensch gehen?

Hier gibt es zwei Szenen als Hörprobe. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie großartig ich mich momentan fühle!!! Wer das Hörspiel schon früher haben möchte: Am 30. 5. auf der Hörmich in Hannover kann man das Hörspiel schon ein paar Tage früher kaufen.

Cast:
Die Rollen und Schauspieler:
KatjaKatrin Daliot
Thomas BergmannDavid Wehle
AuftraggeberBert Stevens
MonikaAnnette Gunkel
ErikaDagmar Bittner
PeterTimo Wussow
BarkeeperJan Koppens


Stab:
RegieLars Dreyer-Winkelmann
BuchLars Dreyer-Winkelmann, Udo Seelhofer
nach der Kurzgeschichte vonUdo Seelhofer
MusikCarsten Sygusch
zusätzliche Songs Monk Tune, dyson Project
Effekte und TonproduktionLars & Manuela Dreyer-Winkelmann, Carsten Sygusch
Schnitt und MischungFrank Holmann
IllustrationRick Melton
GestaltungLars Dreyer-Winkelmann

Dienstag, 19. Mai 2015

Mad Max: Fury Road von George Miller

Mad Max: Fury Road (USA/Australien 2015) von George Miller
In einer postapokalyptischen Welt regiert der Tyrann Immortan Joe mit eiserner Hand über die Menschen. Als seinen Männern der Außenseiter Max Rockatansky (Tom Hardy) in die Hände fällt, benutzen sie diesen als lebende Blutbank für einen von Joes Kriegern. Joes Vormachtstellung wird gefährdet, als einer seiner Capos, die Imperatorin Furiosa (Charlize Theron) Joes Frauen aus ihrem Gefängnis befreit und mit ihnen flieht. Diese Frauen gehören zu den seltenen Menschen gehören, die noch gesunde Kinder auf die Welt bringen können, und sind daher besonders wertvoll. Immortan Joe jagt Furiosa mit allen verfügbaren Männern. Einer von ihnen möchte trotz einer Krankheit an dem Kampf teilnehmen und nimmt Max als lebenden Blutbeutel mit. Als es zu einem ersten Zusammenstoß mit Furiosa kommt, sieht Max seine Chance gekommen, aus der Gefangenschaft auszubrechen...


Als es hieß, dass es mit einem vierten Mad Max-Film ernst werden würde, war ich erst einmal skeptisch. Mad Max ohne Mel Gibson in der Hauptrolle war für mich einfach schwer vorstellbar. Nachdem ich Fury Road gesehen habe, kann ich nur sagen: Was für ein Höllenritt von einem Film.
Eigentlich hat "Mad Max: Fury Road" den falschen Titel, da der heimliche Star Charlize Theron als Furiosa ist. Mad Max wird vor allem in der ersten Hälfte des Films in einigen Actionszenen regelrecht zum Beifahrer degradiert, während Furiosa mit ihren Getreuen  so ziemlich jeden aus dem Weg räumt, der ihr Schwierigkeiten macht. Das geht sogar so weit, dass den Zuschauern die einzige Szene, in der Mad Max alleine loszieht, um einen Teil der Gegner zu eliminieren, gar nicht gezeigt wird - wir sehen nur das flammende Inferno aus großer Entfernung.
Das tut dem Spaß am Geschehen aber keinen Abbruch. "Mad Max: Fury Road" ist ein Actionspektakel ersten Ranges mit packenden Kampfszenen und Verfolgungsjagden. Hinzu kommt, dass hinter den Kulissen offenbar ein Wettbewerb lief, wie viele verrückte Ideen man in einem einzigen Film unterbringen kann. Wem auch immer der Typ mit der E-Gitarre eingefallen ist: DANKE! Der war einfach großartig. Das gilt auch für einige offenbar vom Schaffen HR Gigers inspirierte Desgins (Stichwort: "Muttermilchmaschine").
Ein einziger Minuspunkt muss angemerkt werden: Die Handlung rund um die entflohenen Frauen ist so austauschbar, dass man anstelle von Immortan Joes Harem genauso gut ein Staffelholz der letzten Leichtathletikmeisterschaft auf Furiosas Rückbank hätte legen können - das ganze ist nicht mehr als "Capture the Flag" mit lebenden Objekten.
Schauspielerische Großleistungen werden dem Cast keine abverlangt. Charlize Theron sticht positiv heraus, da sie in den Actionszenen mindestens so glaubwürdig ist wie Tom Hardy (bei der Konfrontation der beiden, hätte ich fast damit gerechnet, dass sie ihm eigenhändig den Kopf abreißt). Ein schöner Schachzug war es auch, dass mit Hugh Keays-Byrne jener Schauspieler den Immortan Joe spielte, der im ersten Teil von 1979 Toecutter verkörperte.
Eine Sache möchte ich jedem, der sich diesen Film ansehen möchte, dringend ans Herz legen: Wartet nicht auf die DVD oder Blu Ray. Geht ins Kino und schaut ihn euch auf der größten Leinwand an, die ihr finden könnt, am besten gleich im IMAX-Format. Die 3D-Effekte sind richtig gut umgesetzt worden und bieten in den Actionszenen tatsächlich einen Mehrwert (was bei anderen 3D-Filmen leider nicht selbstverständlich ist).

Fazit zu "Mad Max: Fury Road"
"Mad Max: Fury Road" bietet furiose Actionszenen, sowie atemberaubende Effekte und Stunts. Wenn die Fortsetzung eine Handlung mit etwas mehr Fleisch bekommt, wird diese wohl der perfekte Actionfilm, zu dem "Fury Road" gerade von Kritikern und Fans stilisiert wird.